A day at the races

Wenn ich es mal grob überschlage, ist es wohl ungefähr ein Vierteljahrhundert her, dass ich erstmals einen Renntag auf der Galopprennbahn in Grafenberg besucht habe. Die Atmosphäre und das Publikum dort haben mich von Anfang an begeistert. Damit meine ich weniger die ebenso gut behüteten wie betuchten Damen, die dort von ihren Herrchen Gassi geführt werden als vielmehr die zerknautschten Rentner die sich vornehmlich im Wettgebäude unter der alten Tribüne einfinden. Da werden die Rennen analysiert und auf Jockeys und Trainer geschimpft. Ich hielt es anfangs für eine gute Idee, auf die Wettzeitungen der Opis zu schielen um mich an den kryptischen Notizen der Veteranen zu orientieren und todsichere Tipps abzugreifen. Es stellte sich aber bald heraus, dass die letztlich auch nicht viel besser wetten als unbedarfte Neulinge, deren Tipps in erster Linie von den Namen oder dem Aussehen der Rennpferde inspiriert sind. Große Summen habe ich nie gesetzt. Konnte ich mir nie leisten und irgendwie hatte ich auch immer einen gewissen Respekt vor dem Sog, der einen bei der ganzen Wetterei erfassen kann. Ein vergnüglicher Zeitvertreib für ansonsten ereignislose Sonntagnachmittage ist der Galoppsport aber immer für mich geblieben. Glücklicherweise hat meine frühere Freundin und Verlobte ebenso viel Spaß an der Sache entwickelt wie ich und mittlerweile sind auch die Kinder engagiert dabei, wie ich gestern feststellen konnte.

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Die Tochter war direkt beigeistert als es hieß: Wir gehen heute zum Pferderennen! Sohnemann hielt das für eine komplett bescheuerte Idee und kündigte an, nur unter Protest und mit garantiert schlechter Laune mitzukommen. Da schwang natürlich nicht nur unterschwellig die Drohung mit, uns den Nachmittag zu versauen. Es kam dann aber doch ganz anders. Die Kinder hatten schnell verstanden, dass man sich beim Platzieren der Wetten weniger an klangvollen Pferdenamen als viel mehr an den zu erwartenden Siegquoten orientieren sollte. „Papa, setz für mich auf das Pferd mit der dritthöchsten Quote!“ rief so also mein junges Fräulein von der Hüpfburg aus zu mir herüber. So gewann sie also zunächst eine Siegwette und kurz darauf tat  der Sohnemann es ihr gleich. Nach diesem unerwarteten Triumph hatte er sich auch schnell eine Strategie parat gelegt. „Der Jockey ist doch scheinbar gut drauf. In den nächsten Rennen setze ich einfach auf die Pferde, die der reitet.“ Tja, was soll ich sagen? Er lag damit ganz gut und gewann noch bei zwei weiteren Rennen. Somit hatte er sich innerhalb weniger Stunden fast ein komplettes Monatstaschengeld erspielt und vom angekündigten Stimmungsboykott war plötzlich keine Rede mehr. Die Gattin lag auch mal richtig, nur bei mir wollte nichts klappen. Die Strategie, auf Außenseiter mit ca. 100:10 Eventualquote zu setzen, ging ebenso wenig auf wie das Aushecken kombinierter Dreierwetten.

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In einer der Rennpausen nahmen wir dann noch an einer kleinen Führung über die Anlage teil, die zwar eher unspektakulär war, uns aber die Möglichkeit bot, mal den Führring und das Wiegehaus zu betreten. Es war schon spannend, den Jockeys ganz nahe zu kommen. Das sind wirklich ziemlich ausgemergelte Männchen, die bei einer Körpergröße von 1,60 bis 1,70m so um die 55 Kilo auf die Waage bringen. Von dieser Spezies gibt es übrigens nur 56 Stück in Deutschland. Dass es weniger Jockeys als Call Center Agenten gibt hatte ich mir ja schon gedacht, aber so wenige?

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