Zehn Sommer: 1982

Jede Fußball-WM, an die ich mich erinnern kann, ist für mich mit ganz besonderen Erinnerungen verbunden. Da dieses Großereignis nur alle vier Jahre stattfindet, bleibt es nicht aus, dass diese Erinnerungen auch einen Teil meiner persönlichen Entwicklung widerspiegeln. Ich versuche mich jetzt also mal an meine ganz persönliche WM-Historie zu erinnern und die Erinnerungen mit meinem Weg durch die letzten Jahrzehnte zu synchronisieren.

Spanien 13.06. – 11.07.1982

Michael-Schanze-und-die-Fussball-Nationalmannschaft-WM82_Ole-Espana-Das-AlbumEigentlich war ich im Sommer 1982 musikalisch auf einem guten Weg. Mein Zimmer war mit Kiss-Postern tapeziert und mein neuer Freund Michael, den ich beim Eintritt ins Humboldt-Gymnasium kennengelernt hatte, war im Begriff mich in die Geheimnisse der Punkmusik einzuführen. Peter & The Test Tube Babies war war der neue heiße Scheiß für mich und ich fühlte mich unheimlich wild wenn ich die in meinem Kinderzimmer auflegte. Trotzdem musste ich unbedingt die LP von Michael Schanze und der Deutschen Nationalmannschaft haben und konnte meinen Vater überreden, den Quartalskauf 01/1982 im Bertelmann Club für dieses Machwerk zu reservieren. Neben dem titelgebenden Song wurden hier weitere Teilnehmerländer musikalisch vorgestellt. Da kamen dann so absurde Titel wie Rasnici Und Slivoviz oder Buda Gegen Pest bei raus. Überflüssig zu erwähnen, dass hier Ralf Siegel für verantwortlich zu machen ist. Es wundert mich ein wenig, dass Samba Do Futbol in diesem Jahr nicht noch mal groß rauskommt.

Die Wahl meiner neuen Freunde im Gymnasium war etwas merkwürdig. Obwohl ich als einziger von der Rolandschule in meine neue Klasse kam und niemanden kannte, wurde ich nach drei Tagen zum Klassensprecher gewählt. Mir standen also eigentlich alle Türen offen. Ich hätte mich an Rechtsanwaltssöhne oder sonstige Lacoste-Hemden-Träger dran hängen können, habe mir aber den verlotterten Michael und den dicken Sitzenbleiber Manfred ausgesucht. Michael wegen der Musik und uverkennbarer Coolness., Manfred vermutlich aus einer Mischung aus Mitleid und der Tatsache, dass er ein Atari VCS hatte. Mit dem dicken Manfred hing ich außerdem öfters in einer Pommesbude ab, in der ein Donkey Kong Automat stand. Leider stank Manfred immer fürchterlich nach Schweiß und hatte schon in jüngsten Jahren einen Hang zu Bonbons mit Apfelkorn-Füllung, die er immer in dem Büdchen an der Franklinbrücke mitgehen ließ, in dem er jobbte. Als er dazu überging, den Apfelkorn ohne Bonbonhülle zu konsumieren, dämmerte mir, dass das doch nicht der Freund war, den ich haben wollte. Was aus Manfred geworden ist weiß ich nicht, Michael soll wohl irgendwann zu Beginn der Neunziger gestorben sein. Ich halte das für plausibel, passte er doch seinen Lebensstil immer mehr seinem Musikgeschmack an.

So knüpfte ich also im Frühjahr 1982 neue Kontakte in Richtung Obere Zehntausend, nicht ganz ohne sanften Druck durch meine Mutter. Die fand Christian so nett. Der wohnte im Zooviertel, spielte Tennis und war fürchterlich langweilig. Trotzdem ergab es sich, dass ich das Vorrundenspiel gegen Algerien in Christians Tennisclub ansehen musste. Es war ein rundum beschissener Nachmittag, was nicht nur an der schmachvollen Niederlage lag. Noch schlimmer war dann nur noch der Nachmittag, an dem Deutschland und Österreich in Gijon eine veritable Attacke gegen den Sportsgeist ritten und mich erstmals daran zweifeln ließen ob unsere Nationalmannschaft wirklich so bewundernswert war wie ich bis dahin immer glaubte.

Die WM 1982 ist die erste, die ich mit aufkommendem Merchandising in Verbindung bringe. Geradezu zaghaft versuchte die Industrie die Fußball-WM für sich zu instrumentalisieren. Vorneweg natürlich McDonalds, die eine Serie von Trinkgläsern auflegte. Mindestens zwei der vier Gläser hatten wir auch und die haben viele Jahre bei uns überlebt.

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Bei dieser WM hielten mich meine Eltern für alt genug auch die abendlichen Spiele anzuschauen. Ein Glück! Sonst wäre mir das legendäre Halbfinale gegen Frankreich entgangen. Schumachers strafrechtlich relevante Attacke gegen Battiston kam mir damals nur halb so schlimm vor. Ich war vielmehr davon beeindruckt, wie die deutsche Mannschaft kämpfte und als ich dann mit ansah, wie der grobschlächtige Horst Hrubesch nach seinem verschossenen Elfmeter jämmerlich weinte, wusste ich, dass ich gerade Zeuge eines ganz besonderen Fußballmoments war.

Neben den Spielen der deutschen Mannschaft ist mir noch besonders die Partie Brasilien – Italien in Erinnerung obwohl ich sie gar nicht gesehen habe. Das Spiel fand an einem frühen Montagabend statt und montags um 18.00 musste ich immer zu meinem Schwimmverein ins Münsterbad. Auf dem Rückweg kam ich an der Pizzeria Romagna auf der Rossstraße vorbei und erlebte dabei erstmals, dass man sich über den Sieg in einem Fußballspiel auch ganz undeutsch freuen kann. Nämlich überschwänglich und mit echter Leidenschaft.

Irgendwie hatte es die deutsche Mannschaft also doch einigermaßen unverdient ins Finale geschafft (wie bei folgenden WMs noch desöfteren) und ich freute mich mächtig auf den Finalabend. Am Nachmittag davor kickte ich noch mit Volker und Marc auf der Bankstraße, fühlte dabei aber schon das Fieber in mir hoch kriechen. Leider war es nicht das Fußballfieber sondern ein ausgewachsener Infekt. Die mütterliche Fiebermessung ergab irgendwas um die 39° und so wurde ich dazu verdonnert, mich hinzulegen. So lag ich also während des Endspiels 1982 im Schlafzimmer meiner Eltern, das direkt ans Wohnzimmer grenzte und konnte nur hin und wieder mal einen Ausruf des Kommentators erhaschen. Ich habe wohl nicht viel verpasst. Es soll ein ziemlich mieses Spiel gewesen sein. Ich habe es bis heute nicht gesehen.

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