Wonder Wheel

Gestern begann für mich das neue Kinojahr. Ich habe mir meinen Gildepass für 2018 geholt, der mir 12 Monate lang vergünstigten Eintritt in zahlreichen Programmkinos beschert, und habe den neuen Film von Woody Allen gesehen. Seine früheren Filme, so bis Mitte der Achtziger, fand ich immer großartig. Der Stadtneurotiker und besonders Manhattan zählen noch immer zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. In den Hauptrollen Kate Winslet und Justin Timberlake. Winslet sehe ich immer gerne und Timberlake hat mir in The Social Network und Inside Llewyn Davis gut gefallen. Beste Voraussetzungen also und doch habe ich mich wahnsinnig gelangweilt. Nicht enden wollende Dialoge und eine Handlung voller Klischees. James Belushi wird dazu genötigt als „Raubein mit Herz“ zu chargieren und wenn der Protagonist das Publikum direkt durch die Kamera anspricht, dann ist das meistens eh kein gutes Zeichen. Dazu nur ein Schauplatz, das von Allen immer wieder gerne verklärte Coney Island der Fünziger Jahre. Nur die Bildsprache konnte mich immer wieder mal daran hindern wegzudösen. Ein Start ins Filmjahr also, der reichlich Luft nach oben lässt.
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Haben Sie das mitbekommen? 

Heute ist es also passiert. Nach neun Tagen selbst auferlegter Nachrichtensperre wurde mir endlich die Frage gestellt, auf die ich schon seit Tagen gewartet hatte: Haben Sie das mitbekommen? Nein habe ich nicht. H&M soll wohl ein unverzeihliches Verbrechen begangen haben. Ich werde nicht nach Details googeln und erst recht nicht nach den Reaktionen der Social Justice Warriors auf Twitter oder Facebook suchen. Das würde mir meine neu gewonnene Ausgeglichenheit möglicherweise zunichte machen. Immerhin habe ich nun schon die vierte Nacht in Folge wunderbar geschlafen. Keine Ahnung ob das an der Nachrichtensperre, dem Smartphoneentzug oder der täglichen Verabreichung von grünen Smoothies liegt. Ist ja letztlich auch egal.

Was mir sonst entgangen wäre

Im Wartezimmer unterhalten sich zwei Teenager. Die Mitwartenden (bis auf einen) sind mit ihren Phones beschäftigt. Die Girls wähnen sich aus unerfindlichen Gründen ganz unter sich. „Wenn ich nicht mit meinen Eltern in den Urlaub fahre, wollen sie mir 400€ zum Shoppen geben. Das ist ja gar nicht so wenig aber im Urlaub würde ich die viel mehr kosten. Da ist bestimmt noch was rauszuholen.“

Um 06.15 Uhr steigen nahe der Antoniuskirche vier Ordensschwestern, vermutlich afrikanischer Herkunft, in die Straßenbahn. Sie setzen sich getrennt voneinander in verschiedene Bankreihen und wechseln kein Wort miteinander. Das haben sie am Freitag schon so gemacht, am Donnerstag und die drei Tage davor auch.

Die Mittvierzigerin vor mir in der Warteschlange trägt einen knallroten Kurzanorak mit dünnen weißen Streifen zur bordeauxroten Cordhose und setzt dem ganzen die Krone, bzw. die Mütze auf, in dem sie eine indigorote Kopfbedeckung mit Ohrenklappen dazu kombiniert. Es scheint sich um eine Spätgebärende zu handeln. Sie stopft ihren zu großen Sohn in einem zu kleinen Kinderwagen mit Haribo Colorado voll.

Mein Sohn sitzt neben mir in der Straßenbahn und schließt auf seinem Display scheinbar gerade Transfers bei FIFA18 Ultimate Team ab. „Die Rückrunde wird sicher hart. Was meinst Du?“ – „Was?“ – „Ich bin auf die Rückrunde gespannt. Könnte hart werden.“ – „Mal gucken. Ich habe jetzt den Agüero im Sturm.“ – „Fortuna meine ich. Echter Fußball!“ – „Ach so…ja…kann sein.“

Während ich auf den Tod wartete, blieb mir das Journal des dix-neuvièmistes, dessen nächste Versammlung in weniger als einer Woche stattfinden sollte. Und dann war da noch der Wahlkampf. Viele Männer interessieren sich für Politik und Krieg, aber ich konnte einer solchen Beschäftigung nichts abgewinnen, ich war politisiert wie ein Handtuch, was wahrscheinlich schade war. Es stimmt, dass die Wahlen in meiner Jugend so uninteressant waren, wie man es sich nur denken konnte. Die Dürftigkeit des »politischen Angebots« war sogar wirklich frappierend. Nächster Halt: Kronprinzenstraße Man wählte einen Mitte-links-Kandidaten, abhängig von seinem Charisma für die Dauer von einem oder zwei Mandaten, ein drittes wurde ihm aus undurchsichtigen Gründen verwehrt. Dann wurde das Volk dieses Kandidaten beziehungsweise der Mitte-links-Regierung überdrüssig – hier ließ sich gut das Phänomen des demokratischen Wechselspiels beobachten –, woraufhin die Wähler einen Mitte-rechts-Kandidaten an die Macht brachten, ebenfalls für die Dauer von ein oder zwei Mandaten, je nach Typ. Nächster Halt: Bilker Allee/Friedrichstraße Seltsamerweise war der Westen überaus stolz auf dieses Wahlsystem, das doch nicht mehr war als die Aufteilung der Macht zwischen zwei rivalisierenden Gangs, nicht selten kam es sogar zu einem Krieg, um dieses System anderen Ländern aufzuzwingen, die diesbezüglich weniger enthusiastisch waren. Nächster Halt: Morsestraße

News Diät á la Dobelli

Huch, schon wieder ein Jahr rum? Es ist einiges passiert. Zum Glück nichts Schlimmes! Silja ist mittlerweile auf dem Gymnasium gelandet, Jesper spielt wieder Fußball im Verein, wir hatten einen traumhaften Urlaub in Slowenien und schließlich liegen auch einige Konzertbesuche hinter mir, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Bandbreite reicht hier von der Operette „Der Graf von Luxemburg“ über Reinhard Mey bis hin zur Antilopen Gang.

Und jetzt? Was soll aus 2018 werden? Zunächst mal habe ich es damit begonnen, dass mein Smartphone bis auf Weiteres nur noch bedingt im Einsatz ist. Wenn ich das Haus verlasse habe ich nur noch ein Sony Ericsson Xperia neo aus dem Jahre 2011 dabei. Mit dem kann ich telefonieren, SMS empfangen und als kleinen Luxus habe ich Whatsapp installiert. Das ist aber nur eine Zwischenlösung denn irgendwo muss ich noch ein wunderbares Nokia 301 rumfliegen haben. Das ist ein sog. Feature Phone oder Dumb Phone, das wirklich nicht viel mehr als eine Telefon- und SMS-Funktion hat. Der Verzicht auf alle Apps, Games und mobiles Internet beschert mir ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl der Ruhe wenn ich unterwegs bin. Mein Galaxy S8+ kommt momentan also nur noch im heimischen WLAN zum Einsatz. Weiterhin habe ich mir eine News-Diät verordnet. Ich habe im neuen Jahr noch nicht eine einzige Nachricht an mich heran gelassen. Seien wir mal ehrlich, was hat es mit meinem Leben zu tun wenn Australien die Homoehe einführt oder in Russland ein Oppositionspolitiker nicht zur Wahl zugelassen wird? Ja selbst wenn in Asien Tausende Menschen bei einer Naturkatastrophe ums Leben kommen, ändert sich für mich und mein nächstes Umfeld genau gar nichts dadurch. Bei den Nachrichten wiederum, die für mich potentiell von Belang sein könnten, stellt sich die Frage wer entschieden hat, ausgerechnet diese Nachricht auf mich los zu lassen, mit welcher Intention sie ausgewählt und verfasst wurde und welche fachliche Kompetenz den Verfasser eigentlich dazu legitimiert, diese Nachricht zu verteilen. Zur vertiefenden Lektüre empfehle ich ein Essay von Rolf Dobelli.

Ich beschränke meine Zeitungslektüre also nun auf den Lokalteil und die Sportmeldungen. Nachrichten im Radio und Fernsehen ignoriere ich ebenso strikt wie die Newsportale im Internet. Facebook und Twitter sowieso. Der zur Zeit vielfach geschmähte Morrissey bringt es in seinem Song Spent the Day in Bed gut auf den Punkt:

Stop watching the news
Because the news contrives to frighten you
To make you feel small and alone
To make you feel that your mind isn’t your own